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Handballsaison 2019/20 endgültig abgebrochen

„Regelung bringt nur Gewinner, aber keine Verlierer hervor"– leider bei Weitem nicht

Die Coronakrise hat den Handball fest im Griff. Nach einer Abstimmung am Anfang der Woche beschlossen der DHB und die Handball-Bundesliga auch den Spielbetrieb für die 1., 2. und 3. Bundesliga abzubrechen. In der derzeitigen Situation eine absolut nachvollziehbare und richtige Entscheidung der Verantwortlichen und Vereine. Ausgenommen vom Fußball, der wohl nicht nur in anderen Bereichen in einer Parallelwelt lebt, sondern auch beim Thema Corona, haben damit alle Sportarten wie Eishockey, Basketball, Volleyball usw. ihre Saison für beendet erklärt.

Die Wertung der Saison

Zu welchem Endergebnis abgerechnet werden würde, war schon etwas früher absehbar, da der DHB vor einigen Wochen Leitlinien und Empfehlungen an die Landesverbände heraus gegeben hatte, nach denen verfahren werden sollte. Diese sehen wie folgt aus: neben der Regelung, dass sich die Tabellenstände nach einer Quotientenregelung errechnen, werde es keine sportlichen Absteiger geben, aber Aufsteiger. Diese Lösung wurde vom DHB und den Landesverbänden immer wieder als die Lösung propagiert, die "nur Gewinner und keine Verlierer" mit sich bringt.

Zahlreiche Verantwortliche und Spieler wie Andy Schmid (Rhein Neckar Löwen), Bob Hanning (Füchse Berlin), Hendrik Pekeler (THW Kiel), Karsten Günther (Manager Leipzig) und Ben Matschke (Trainer Eulen Ludwigshafen), sprachen sich für einen früheren Abbruch und/oder eine Annullierung der Saison aus. So wäre in der kommenden Saison einfach nochmal die aktuelle Saison wiederholt worden. Der Ex- Profi und aktuelle Trainer des VFL Pfullingen (Zweitplatzierter 3. Liga Süd) Daniel Brack, sowie der Trainer der Rhein Neckar Löwen 2 Michel Abt (inzwischen zugehörig zum Trainerstab des Bundesligateams) sprachen sich ebenfalls für so eine Lösung aus. Abgesehen von diesen einzelnen Meinungen diverser Fachleute fand dieser Vorschlag auch in der breiten Öffentlichkeit viel Gehör. Der Ansatz eine Saison mit Aufsteigern und Absteigern zu werten, obwohl noch 6 bei manchen Teams mehr wie 8 Spiele ausstehen und teilweise enge Tabellenstände herrschten, scheint bei genauerem Hinsehen nicht fair und sinnvoll gewesen zu sein. Für Teams, die mit uneinholbarem Vorsprung in der Tabelle vorne lagen und im Falle einer Annullierung dann nicht hätten aufsteigen können, wie zum Beispiel der TUS Fürstenfeldbruck und der Wilhelmshavener HV, für solche Mannschaften wäre eine Annullierung natürlich sehr schmerzhaft gewesen.

Gewöhnungsbedürftig ist es schon, wenn man auf der einen Seite Aufsteiger nach bisherigen Stand der Saison und der Anzahl Spiele zulässt aber auf der anderen Seite gilt dann dieser Umstand nicht für das Tabellenende. Es wurde auch von denen die gleiche Saison gespielt. Warum dann keine Absteiger? Es gibt auch Mannschaften die weit abgeschlagen das Tabellenende zierten und die bleiben jetzt in den Ligen. Es gab natürlich auch viele Mannschaften die den Klassenerhalt noch aus eigener Kraft hätten schaffen können. Diesen hat man das Bonbon Klassenerhalt zugestanden. Aber was ist mit den Zweiten und Dritten die noch (aus eigener Kraft) hätten aufsteigen können und größtenteils auch wollten. Teams wie Empor Rostock, SG BBM, Gummersbach, Hamm und sogar Lübecke oder Leutershausen? So sehen keine Gewinner aus, sondern Verlierer und das wäre auch nicht schlimm, wenn es sportlich mit einer kompletten Saison zustande gekommen wäre, aber so ist es eben sehr bitter. Eine individuelle Lösung wäre vielleicht auch möglich gewesen, indem man von Fall zu Fall entschieden hätte. Teams mit uneinholbarem Vorsprung bzw. Rückstand in die entsprechenden Spielklassen aufzusteigen bzw. absteigen zu lassen. Dann wäre man z.B. auch den Überfliegern aus Fürstenfeldbruck gerecht geworden.

Nur Gewinner?

Neben den genommen Aufstiegschancen für viele Teams die knapp hinter der Spitze standen, entsteht durch die Nichtabstiegsregelung natürlich eine nicht unerhebliche Aufstockung aller Ligen. Es gab nicht wenige Experten, die davon vehement abgeraten haben. Völlig logisch und einleuchtend ist ja, dass aufgrund der Corona-Situation nicht gesagt werden kann wann der Spielbetrieb überhaupt wieder aufgenommen werden wird. Nach den neuesten Verordnungen wird vor dem 31.08. nichts passieren und wenn man die Haltung unserer Kanzlerin in der Coronafrage kennt und die Übertragungsgefahr beim Kontaktsport Handball mit ungetesteten Spielern in die Entscheidung für eine Freigabe des Spielbetriebs einfließen lässt, dann ist zu befürchten, dass die kommende Saison vielleicht noch viel später beginnen könnte oder gar nicht.

Die Aufstockung der Ligen könnte eine Fehlentscheidung mit fatalen Folgen für den Deutschen Handball gewesen sein

Bei einer deutlichen Aufstockung der Ligen wird der Spielbetrieb in der kommenden Saison deutlich länger dauern. Das fatale an dieser Entscheidung ist, dass heute keiner weiß, wann wirklich gespielt werden darf. Der 1. September ist nicht mehr und nicht weniger als ein Wunschtermin. Dazu kommen für die Topvereine der 1. Liga ein EHF Final Four, das im Dezember nachgeholt werden soll, dazu logischerweise am Ende der Saison ein neues Final Four. Was passiert mit den Großereignissen die sonst im Januar gespielt werden? Es steht die WM in Ägypten an und auch die internationalen Verbände werden ihre wirtschaftlichen Interessen vertreten wollen. Im Sommer kommenden Jahres dann die Olympischen Spiele in Tokio. Freizeit, Erholung und Privatsphäre für die Spieler Fehlanzeige.

Auf welchem Rücken wird das Ganze ausgetragen?

Auf dem Rücken der Spieler und der Vereine. Die Spieler sind sowieso schon seit Jahren in Deutschland deutlich überbelastet, viele Verletzte und im Umkehrschluss wieder die Vereine, die für Reha, Gehälter und Erfolge und den damit einhergehenden Finanzen gerade stehen müssen. Dass sich die Vereine während und nach der Corona Zeit sowieso auf allen Ebenen schwer tun werden, versteht sich von selbst. Eigentlich wäre es sogar durchaus sinnvoller gewesen die Ligen sogar aus Perspektive der Corona-Geschichte kleiner zu machen. Übertragbar ist das Ganze auch in gewissem Rahmen auf die 3.Liga. Die letzten Jahre und auch in dieser Saison stehen fast ausschließlich die Aufsteiger der Vorsaison auf den Abstiegsplätzen. Ebenso gilt das eigentlich auch für die 2. und die 1.Bundesliga. Wir bekommen mit großer Wahrscheinlichkeit ein schwächeres Ligen-Niveau mit höherer Belastung für Spieler und Vereine, einen aufgeblähten Spielplan und natürlich ein hohes Verletzungsrisiko. Das starke Niveau der Ligen war das selbst auferlegte Aushängeschild und Image des Deutschen Handball-Bundes. Seit Jahren gibt es Befürworter wieder eine zweigleisige 2. Bundesliga einzuführen, was aber aufgrund des DHB-Ziels einer zunehmenden Professionalisierung immer wieder im Keim erstickt wurde. Doch mit der jetzigen Lösung hat man sich von dieser Positionierung verabschiedet. Im internationalen Vergleich haben unsere Mannschaften jetzt noch schlechtere Karten, muss man sich mit Teams messen, die in der (vielleicht) kommenden Saison 8 oder gar 12 Meisterschaftsspiele weniger austragen müssen. Die Spieler der Liqui-Moly Bundesliga können einem leidtun und man darf sich nicht wundern, wenn die Besten ins Ausland abwandern, um ihre Gesundheit zu schonen.

Was passiert wenn die Saison noch später startet?

Was passiert wenn wir eine 2. Welle des Virus bekommen? Und was bedeutet das für die Verschärfung der jetzt umgesetzten Lösungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie? Man will es sich eigentlich gar nicht ausdenken. Ein großer und nicht vorhersehbarer Faktor ist eben der Verlauf des Virus. Wenn man da in die Zukunft schaut, kommt man wohl auch hier zu dem Entschluss dass die neue Regelung nicht nur Gewinner hervorbringt, zum größten Verlierer könnten der DHB selbst und die Vereine werden. Ein erneuter Abbruch in der Saison 2020/21 und zahlreiche insolvente Vereine könnten das Resultat sein. Ein Scherbenhaufen würde übrig bleiben.

„Unglücklich“ gelaufen ist auch, dass bei der Frauen-Bundesliga kein Meister gekürt wurde, mit der Begründung der hohen Anzahl der noch ausstehenden Spiele (nämlich 8), während bei den Männern der THW Kiel zum Meister gekürt wurde (8 ausstehende Spiele). Einheitlich sieht anders aus. Das Gleiche gilt für unseren Landesverband im Aktiven- und Jugendbereich. Bei den Aktiven gibt es Aufsteiger und Meister, aber im Jugendbereich wurde ohne Wertung abgebrochen.

Schlussendlich kann man sagen, dass es natürlich extrem schwierig oder gar unmöglich war, eine Lösung zu finden, die allen und allem gerecht wird. Vielleicht hätte man sich von Anfang an von dem Versuch lösen sollen, es allen recht machen zu wollen. Der Planungssicherheit für einen zukünftigen, einigermaßen realistisch umsetzbaren Spielbetrieb wurde leider zu wenig Bedeutung zugemessen. Auch die Gesundheit der Spieler hätte vorrangig in die Entscheidungsfindung einfließen müssen und nicht zuletzt wird die getroffene Entscheidung den Deutschen Handball im internationalen Vergleich mit großer Wahrscheinlichkeit noch weiter zurückwerfen.

Bleibt zu hoffen, dass die negativen Prognosen der derzeitigen Entscheider über die Entwicklung der Pandemie nicht eintreten und damit die geplante Durchführung der kommenden Saison eine realistische Chance hat.

© 2019 by TGS Pforzheim

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