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Neujahrsinterview mit Trainer Florian Taafel

Wir schauen zurück auf ein sportlich bewegtes Jahr 2022 bei der TGS, wagen einen Ausblick auf 2023 und beschäftigen uns auch mit interessanten Themen wie Vereinsleben, Jugendarbeit und die Auswirkungen der Corona Pandemie.


Red.: Hallo Florian, 2022 war aus TGS-Sicht ein Jahr mit vielen Tiefen aber auch wieder Höhen. Wie bewertest du das "alte" Jahr?


FT: Das ist absolut richtig. Nach 9 Jahren 3. Bundesliga Handball mussten wir einen Abstieg und einen mehr oder weniger kompletten Umbruch im Team verkraften.


Red.: Was waren für dich die ausschlaggebenden Punkte?


FT: An vorderster Front muss man natürlich die personelle Situation sehen. Wir mussten fast über die komplette Saison die drei wichtigsten Spieler ersetzen. Nicht nur sportlich, sondern auch von den Führungsrollen her wurden diese Lücke nie geschlossen, dazu kamen noch diverse andere Ausfälle, zusätzlich durch die Reduzierung der Liga ein wirklich harter Modus, aber auch viele Kleinigkeiten. So war das am Ende einfach nicht mehr zu halten. Ich wehre mich aber nach wie vor dagegen, das Ganze nur auf die 2 großen Punkte Verletzung und Mehrfachabstieg zu schieben. Wenn man das macht vergisst man viele andere Dinge, die nicht gut waren bzw. sucht Ausreden und das sorgt dafür, dass man aus diesen Fehlern nichts lernt.



Red.: Nach dem Abstieg kam es zum großen Umbruch. 7 wichtige Spieler haben den Verein verlassen bzw. ihre Karriere beendet.


FT: Ja vier Spieler haben den Verein verlassen um ihre sportliche Situation den eigenen Ambitionen, dem Aufwand und den Rahmenbedingungen anzupassen. Jonathan Binder, Michal Wysokinsi und meine Wenigkeit haben sich entschlossen aufzuhören. Das hat teilweise individuelle, aber teilweise wohl auch gemeinsame Gründe. Ich glaube wenn du jahrelang professionell gespielt und trainiert hast, war nach dem Abstieg die sportliche Herausforderung nicht mehr gegeben. Dazu kommt, dass du Jahre bzw. eigentlich über ein bzw. fast zwei Jahrzehnte eine sportlich erfolgreiche Zeit entscheidend mitgeprägt hast. Da ist dann die Enttäuschung relativ hoch. Bei Michal und mir kam die körperliche Situation dazu. Michal fiel genauso wie ich fast die komplette Saison aus. Ich hatte innerhalb von einem halben Jahr wohl die zwei schwersten Verletzungen meiner Karriere und da gab es Einige. Wenn du dich nach der ersten Verletzung innerhalb von Rekordzeit zurück kämpfst und es dann wieder knallt, ist die maximale Enttäuschung vorprogrammiert. Das kann man auch nur wirklich nachvollziehen, wenn man das selbst schon mindestens einmal mitgemacht hat.


Red.: Wie war dein Abschied vom aktiven Handball und wie geht es dir heute mit der Entscheidung?


FT: Der Abschied an sich beim letzten Heimspiel fiel ziemlich klein und "trocken" aus. Die ganze Situation hatte natürlich nicht den Rahmen geliefert den man sich wünscht, aber da muss man einen Haken dran machen. Vielleicht holen wir das irgendwann mal noch nach. Schwierig war der Prozess zur Entscheidungsfindung aufzuhören. Dein Kopf ist voll und du weißt nicht ob es richtig ist. Die Entscheidung habe ich eigentlich alleine getroffen. Nur meine Frau war in die Überlegungen eingeweiht. Da ist einfach so viel passiert, dass das hier den Rahmen sprengt. Was mir extrem haften geblieben ist, war wieviel wir daheim einfach nur am Tisch saßen und traurig waren, dass es vorbei ist. Da sind einige Tränen geflossen. Aber irgendwann heißt es nach vorne schauen und wieder Gas geben.


Red.: Und was sagt der Körper zur Entscheidung?


FT.: Der Körper ist bis auf mein Knie topfit, das macht es natürlich nicht leichter, wenn du draußen stehst und weißt du könntest noch auf gutem Niveau spielen. Ich trainiere täglich und genieße die Zeit. Das Training mit der Mannschaft fehlt natürlich. Da hat es Michal Wysokinski deutlich besser. Der trainiert ab und zu als Co- Trainer mit.


Red.: Du hast es gerade angesprochen. Auch Jonathan Binder und Michal Wysokinsi sind jetzt im Trainergeschäft.


FT: Ja Michal ist Co- Trainer und zusätzlich zuständig für den Athletikbereich bei der TGS. Ich bin froh dass ich so einen Fachmann und guten Freund an der Seite habe. Jonathan trainiert die Oberliga Damen in Rintheim. Wir sind weiterhin in Kontakt und ich kann mir gut vorstellen, dass wir irgendwann mal wieder zusammen kommen. Wo auch immer.


Red.: Lass uns zurückgehen zur aktuellen Saison. Ihr steht zum Jahreswechsel auf Platz Vier mit Tuchfühlung zu den zwei Aufstiegsplätzen. Bist du zufrieden und ist der Umbruch geglückt?


FT.: Wir hatten das obere Drittel als Ziel heraus gegeben und da stehen wir jetzt. Unter den gegebenen Umständen bin ich zufrieden. Wir mussten und müssen 3 wichtige Spieler über Monate ersetzen. Die Mannschaft hat ein komplett neues Gesicht und der Umbruch ist mit Sicherheit nicht abgeschlossen, aber wir sind auf einem sehr guten Weg.


Red.: Du hast schon die Verletzten angesprochen. Wie ist da der aktuelle Stand?


FT.: Raphael Blum hat sich nach 3 Monaten schon eindrucksvoll zurück gemeldet und mit Davor Sruk steht unser Kapitän und einer der besten Kreisläufer schon für Mitte Januar in der Warteschleife. Das Gleiche gilt für Spielmacher David Kautz, der bis zu seiner Verletzung einen bärenstarken Saisonstart hatte. Da kommt einiges an Qualität zurück, aber wir werden den Jungs die nötige Zeit geben.


Red.: Wie habt ihr es geschafft die Ausfälle so gut zu kompensieren?


FT.: Wir mussten erstmal ein wenig in der Liga ankommen. In der Zwischenzeit sieht man deutliche individuelle und mannschaftliche Entwicklungen. Wir stellen die mit Abstand beste Abwehr der Liga. Lennart Cotic hat durch die Verletzungen viel Verantwortung übernehmen müssen und hat sich super entwickelt und wir können ihn noch viel besser machen. Roy James ist in hervorragender körperlicher Verfassung und zeigt sich seit Jahren wieder mit starken Leistungen in der Offensive. Fabian Dykta hat nach der Verletzung von David Kautz Verantwortung auf der Rückraum Mitte übernommen und uns sehr geholfen. Tim Löffler kam aus drei Ligen weiter unten und bildet mit das Herz unserer Defensive. Vasyl Havryliuk konnte aufgrund des Krieges Monate nicht trainieren, aber setzt immer wieder wichtige Akzente und wird mit der Zeit und dem Lernen der Sprache immer besser werden. Alex Kubitschek hat den Ausfall von Davor Sruk auch in der Offensive super aufgefangen. Nicolas Herrmann brennt schon die ganze Saison alleine auf der Außenposition durch. Das ist alles andere als selbstverständlich. Man merkt der Mannschaft an, dass sie für einander da ist und dass sie lernen will. Wir überstehen immer besser Stresssituationen und kritische Phasen.


Red.: 16:4 Punkte aus den letzten Spielen und eine starke Heimbilanz. Wo soll es noch hingehen?


FT.: Wir versuchen immer besser zu werden und trotz der guten Entwicklung haben wir auch in vielen Bereichen und Positionen ganz viel Luft nach oben. Es gibt viel zu tun.


Red.: Wie bereitet ihr die Mannschaft auf die Spiele vor?


FT.: Anna Wysokinska kümmert sich um die Wurfbilder für die Torhüter. Ansonsten schauen wir extrem viel Video. Wir analysieren unsere eigenen Spiele und schauen es dann montags gemeinsam mit dem Team. Im Laufe der Woche bereiten wir uns auf den Gegner vor und im Abschlusstraining steht dann die zweite Videoanalyse auf dem Programm. Ich glaube es zählt schon zu unseren Stärken, dass wir auf das System und die Individualität unserer Gegner sehr gut eingestellt sind. Wichtig ist, dass wir lernen, es noch besser umsetzen zu können.


Red.: Wir haben die Heimbilanz angesprochen. Wie siehst du die Zuschauerentwicklung in Pforzheim und welche Gründe gibt es dafür?


FT. : Wir hatten circa 3 Spiele die richtig gut besucht waren, der Rest war sehr dürftig. Ich glaube dass die Corona Geschichte schon nachwirkt. Ich glaube aber nicht dass es Angst oder ähnliches ist. Die Deutschen neigen in ihrem Wohlstand schon immer allgemein etwas mehr zur Bequemlichkeit. Corona hat das befeuert. Das sieht man auch in anderen Bereichen wie am Arbeitsplatz, wo viele am liebsten nur noch aus dem Homeoffice arbeiten wollen oder beim Essen. Früher ist man auch mal Essen gegangen, jetzt wird viel Essen bestellt. Netflix bzw. Smartphone in Jogginghose auf der Couch anstatt Jeans und ein gutes Gespräch in einem Restaurant oder einer Bar. Ich halte diese Entwicklung für sehr schlecht. Nicht nur gesundheitlich sondern auch sozial. Dazu kommt, dass die Stadt Pforzheim an sich nie so das richtige Stammpublikum im Handball hatte und durch viele andere Angebote verläuft sich alles ein wenig. In kleineren Orten und bei Auswärtsspielen ist das aber noch anderes. Wir haben auswärts eigentlich fast und ausschließlich vor gut besuchten Hallen gespielt. Da ist Handball einfach eine gewachsene Tradition.


Red.: Wie wirken sich diese Dinge auf das Vereinsleben und den Jugendhandball aus?


Auf keinen Fall positiv. Ich habe das Gefühl, dass es für Sportvereine im allgemeinen noch schwerer wird. Vereine leben vom Ehrenamt, von Kindern + Jugendlichen, deren Eltern und Sponsoren. Letztgenannte haben unter den Maßnahmen der Pandemie extrem gelitten und viele reduzieren ihre Budgets. Egal ob Firmenbesitzer oder der Bäcker von nebenan. Die Sportbegeisterung bei Kindern und Jugendlichen hat weiterhin abgenommen. Tablet, Videospiele und Smartphone stehen schon bei den Kleinsten sehr hoch im Kurs. Ich denke das ist auch ein "deutsches Problem". Ich bin oft im Ausland unterwegs. Da sind die Bolzplätze und die Straßen voll mit Kindern und Jugendlichen. Fussball, Basketball, Fitness, Skaten und Fahrradfahren an jeder Ecke, während bei uns viele Dinge zur negativen Entwicklung beitragen. Schulsport ist schon ewig verwaist und hat sich mit Sicherheit nicht gebessert. Die Kinder kommen sehr spät aus der Schule und müssen dann noch stundenlang Hausaufgaben machen. In Kombination mit dieser digitalen Konsumwelt in der sie gefangen sind, ist der Sport und somit auch die Vereine angezählt. Ich will das keinesfalls pauschalisieren, aber ich denke da gibt es klare Tendenzen.


Red.: Was sind die Effekte?


FT.: Für Vereine wird es immer schwieriger Helfer und Eltern zu finden die sich einbringen. Dazu kommt meiner Meinung nach ein Verlust von Werten. Jugendliche und Kinder werden teilweise in Vereinen abgeliefert, als wären diese Dienstleister. Dinge wie Fahrdienste, Bewirtungsdienste oder einfach mal eine Kuchenspende sind nicht mehr selbstverständlich. Andersherum wird aber immer mehr gefordert. Eltern wollen am liebsten die Mannschaft aufstellen und den Trainer auswählen und das oft komplett ohne Fachkenntnisse etc. Junge Schiedsrichter werden immer wieder verbal angegangen. Da ist es ja völlig klar, dass sich immer weniger Leute in diesem Bereich einbringen wollen. Vielen Eltern muss man erklären, dass ihre Kinder wohl in einer Einzelsportart wo sie im Vordergrund stehen besser aufgehoben wären. Jugendspieler und Helfer, die teilweise nicht nur ehrenamtlich tätig sind, verlassen von heute auf morgen Vereine weil es persönlich bessere Optionen gibt. Es war eigentlich immer eine Art Codex dass man eine Saison zu Ende spielt, aber auch da hat sich vieles geändert. Man kann das Problem gesamtgesellschaftlich übertragen. Egoismus und Einzelinteressen stehen an erster Stelle. Vereine leben aber genau vom Gegenteil. Ich glaube mit etwas Verständnis sieht man, dass wir gerade in vielen Bereichen die "schlechten" Früchte dieser Verhaltensweisen unserer Gesellschaft ernten. Aber auch hier will ich nicht pauschalisieren. Es gibt tolle Vereine, mit vielen Helfern, Sponsoren, Jugendteams/trainer/innen und Eltern die sich einbringen. Und jedes Mal wenn jemand Neues dazu kommt, freut man sich.


Red.: Sehr kritisch war auch der Blick auf den sogenannten großen Sport in den letzten Wochen. Wie bewertest du die WM in Katar und die Rolle der Deutschen?


FT.: Zum Turnier selbst kann ich nur sagen, dass es natürlich eine gekaufte Veranstaltung war. Aber wie so oft sollte man da mal bei sich selbst anfangen und jegliche Doppelmoral außen vor lassen. Sowohl die Olympischen Spiele als auch vergangene Großturniere haben in jüngster Vergangenheit unter ähnlich fraglichen Bedingungen stattgefunden. Egal ob das China, Russland oder Ungarn war, der große Schrei der Empörung ist ausgeblieben. Infantino wird weltweit und auch zurecht kritisiert während seit Jahren mit Thomas Bach ein Deutscher als Vorsitzender des IOC eine ähnlich fragliche Rolle spielt und das ganze ohne größere Beachtung. Entweder man zieht das Ding durch und boykottiert von Verband und Sportlerseite solche Veranstaltungen gnadenlos oder man hält den Mund aber dann auch konsequent. Deutschland hat in diesem Fall leider wieder die Speerspitze gebildet und politisch wie auch sportlich kein gutes Bild abgegeben. Im Endeffekt geht es wie überall nur um das große Geld. Wir müssen weg von korrupten Verbänden zurück an die Basis. Politik, Wirtschaft, Sport und der damit einhergehende Lobbyismus führt zu vollen Taschen einiger Weniger, erwirtschaftet auf dem Rücken der Kleinen.


Red.: Zum Abschluss zurück zum Positiven. Welche TGS Ereignisse bleiben dir aus 2022 persönlich in Erinnerung?


FT.: Ungefähr 1 Minute nachdem ich bekannt gegeben habe, dass ich aufhöre zu spielen, hat mich mein ehemaliger Mitspieler Chris angerufen. Er hat gesagt ich soll sofort zu ihm kommen ohne dass ich überhaupt zu Wort gekommen bin. Wir saßen zusammen und haben einfach nur geredet. Das war ein besonderer Moment. In jüngster Vergangenheit der Sieg gegen die SGH2Ku. Lennart Cotic hat mit dem Schlusspfiff einen direkten Freiwurf in den Winkel gehauen und die Mannschaft + Zuschauer sind völlig ausgerastet. Das war ein geiles Gefühl.


Red.: Was wünscht du Dir für deine Mannschaft und den Sport im Allgemeinen für 2023?


FT.: Ich wünsche mir, dass alle meine Spieler gesund bleiben bzw. werden und wir unseren eingeschlagenen Weg fortsetzen. Für den Sport allgemein habe ich mich ja schon vorhin geäußert. Zusätzlich wäre ein noch offenerer Umgang mit Homosexualität und Depression im Sport wünschenswert.


Red.: Danke für das Interview und die verschiedenen Perspektiven Das Interview wurde geführt von Kevin Bregula

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